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Design Thinking & DevOps

Mehr als eine Oberfläche

Seit der Einführung im Mai 2013 ist viel in der Fiori-Welt passiert und spätestens seit dem Release 2.0 kann man von einer ausgereiften Technologie sprechen.

Es beginnt im Mai 2013: Fiori wird damals als die Lösung vorgestellt, mit der das leicht angestaubte Bild der User-Interfaces komplett modernisiert und verbessert werden soll. Doch die Einführungsrate war relativ gering.

Das lag einerseits an der sehr komplexen und aufwändigen Implementierung, andererseits an der Lizenzpflicht für jede einzelne Fiori-Applikation. Neue Technologien kämpfen mit Kinderkrankheiten, das war auch bei Fiori nicht anders.

   

Wieso ist Fiori so wichtig? Fiori ist viel mehr als nur eine Oberfläche. Es ist die neue User Experience von SAP und somit als Oberflächentechnologie für alle Neuentwicklungen bei SAP strategisch gesetzt.

S/4 Hana 1610 ist das erste Release, das mit einer holistischen Fiori User Experience ausgeliefert wird. Das bedeutet, dass für alle Module Applikationen in der Fiori UX verfügbar sind, auch wenn nicht jede App tatsächlich technisch eine Fiori-­App ist, sondern beispielsweise auch ein SAP GUI HTML oder Web Dynpro Abap sein kann.

Spätestens mit dem Ende des Mainstream-Supports für die Business Suite 2025 müssen sich Kunden mit Fiori auseinandersetzen.

Unsere Erfahrung zeigt, dass eine frühzeitige Beschäftigung mit der Fiori UX und eine sorgfältige Planung der Einführung den späteren Go-live-­Erfolg bestimmen. Nachfolgend zeigen wir eine Best-Practice-Vorgehensweise für die Einführung der Fiori UX auf.

Kunden müssen eine eigene User-Experience-Strategie entwickeln, die die Erwartungen der Stakeholder sowie zukünftige technologische Entwicklungen berücksichtigt. Der Zweck einer Strategiedefinition besteht darin, einen Plan zu entwerfen, der unter Berücksichtigung der aktuellen zu der gewünschten zukünftigen Situation führt.

Eine User-Experience-Strategie ist unweigerlich mit der Geschäftsstrategie verbunden, die sozusagen die Leitplanken für die UX-Strategie bildet. Die Ausarbeitung ist sehr wichtig und auf strategischer Ebene eigentlich schon ein Projekt für sich.

Die einzelnen Phasen sind nicht starr in ihrer Reihenfolge, sondern dynamisch und werden oftmals iterativ durchgeführt.

Explore

Fiori und Fiori UX sind neue, noch unbekannte Themen. Zu Beginn eines Projekts sollten Sie sich daher mit den verschiedenen Technologien, deren Möglichkeiten und Einsatzszenarien vertraut machen.

Dabei lohnt es sich, einen Blick in die ­Fiori App Reference Library zu werfen. Über sie bekommen Sie ein erstes Gefühl dafür, welche Applikationen für die unterschiedlichen Module und Anwendergruppen bereits zur Verfügung stehen.

Dann ist eine Bestandsaufnahme der Ist-Situation im Unternehmen wichtig, zu der neben der Analyse der Anwendergruppen auch eine vollständige Erfassung der eingesetzten Technologien und Oberflächen gehört.

In einzelnen Design-Thinking-Workshops wird erarbeitet, welche derzeitigen Lösungen in Zukunft durch neue ersetzt werden sollen und wo die UX verbessert werden kann. Mit dem Mapping für Anforderungen, Bedürfnisse und Probleme der einzelnen Anwendergruppen auf UX-Elementen haben Sie bereits den Soll-Zustand nach Abschluss des UX-Projekts definiert.

Sie müssen in der Planungsphase außerdem das Ziel des UX-Projekts festlegen und die KPIs, anhand derer Sie am Ende den Erfolg der Einführung messen können.

Create

In der Create-Phase wird die UX-Roadmap als Proof of Concept validiert. Es empfiehlt sich vor einem Proof of Concept zunächst mit Prototypen zu arbeiten und frühzeitig Anwender in Feedbackstudien mit einzubeziehen.

Dafür bietet SAP das Tool Build an, das in der Cloud-Variante kostenlos genutzt werden kann. Klassisch wird innerhalb des UX-Projekts jeder Technologie-Stream der UX-Roadmap als eigenes Projekt durchgeführt.

So werden beispielsweise Z-Transaktionen prototypisch mit SAP Screen Personas optimiert, eigene Web-Applikationen in UI5 nachentwickelt und mobile Szenarien wie Leave Request auf Mobilgeräten evaluiert.

Dazu gehört neben technischen Tätigkeiten, wie der Planung von Infrastruktur, Konfiguration der Systemlandschaft, Integration des ­Fiori Launchpad in der bestehenden Landschaft auch die Definition von UX-Tests zur Evaluation.

Am Ende der Create-Phase ist die UX-Roadmap so weit umgesetzt, dass in Iterationen getestet werden kann.

Evaluate

In der letzten Phase wird der Erfüllungsgrad des Soll-Zustands gemäß UX-Road­map gemessen. Werden die UX-KPIs erzielt? Ist das Feedback aus den Anwendergruppen positiv? Falls nicht, durch welche Aktivitäten können die gesetzten Ziele erreicht werden?

Erfolgsfaktor Vorbereitung

Das vorgestellte Modell „Explore – ­Create – Evaluate“ allein ist noch keine Erfolgsgarantie für die Einführung der Fiori UX, die letztlich einen Paradigmenwechsel bedeutet. Eine gute Vorbereitung ist erfolgskritisch.

Mit einer neuen Technologie kommen auch neue Tools auf die Anwender zu. Der klassische SAP GUI für Windows wird in der Power-User-Welt voraussichtlich noch eine Weile sein Dasein fristen, Fachanwender werden sich aber schrittweise an die Web-Welt gewöhnen und das Fiori Launch­pad als zentralen Einstieg in ihre Arbeitswelt nutzen.

Administratoren stehen Konfigurations-Tools wie der Launchpad Designer und der UI Theme Designer sowie entwicklungsseitig Tools wie SAP Build, die SAP Web IDE oder die Eclipse-Tools zur Verfügung.

Es ist unbedingt ratsam, dass Sie sich frühzeitig mit den neuen Tools beschäftigen und Erfahrungen sammeln. Jedes Tool hat Vor- und Nachteile und nur Sie selbst können den für Ihre Administration, Konfiguration und Entwicklung optimalen Prozess bestimmen.

Skill Set im Wandel

Einem Konglomerat aus SAP UI5 im Front­end, OData Services und Abap RFCs im Backend ist es geschuldet, dass sich auch das klassische Entwickler-Skill-Set mit der Einführung von Fiori ändern wird.

Abap spielt weiterhin eine wesentliche Rolle: Das Programmiermodell für Abap in S/4 wurde stark erweitert. Nichtsdestotrotz brauchen Entwickler jetzt auch Kenntnisse in Javascript, MVC-Pattern und ein Grundverständnis für moderne Web­entwicklung.

Der Weg von S/4 sieht auch vor, dass immer mehr Logik aus dem Applikationsserver in die Datenbank-Layer verlagert wird, was einen deskriptiven Entwicklungsansatz fördert.

Klein anfangen, groß planen

Sofern Sie nicht S/4 Hana 1610 im Einsatz haben, planen Sie für einen dedizierten Anwenderkreis eine überschaubare Anzahl an Apps. Starten Sie idealerweise auf einem geschäftsunkritischen System.

Beispielsweise beinhaltet der Solution Manager 7.2 auch ein Fiori Launchpad – zum Üben und Kennenlernen der Berechtigungs- und Konfigurationseigenheiten von Fiori-Apps.

Wenn sie den Big Bang planen und gleich alle Apps einführen wollen, zeigt die Erfahrung, dass das kein sinnvolles Modell ist.

Design Thinking

Design Thinking gibt es unter diesem Namen seit 1991, das Modell erlebt aber gerade insbesondere im SAP-Kontext seinen zweiten Frühling.

Design Thinking versteht sich als Sammlung von Techniken verschiedener Disziplinen, die in Kombination die Erfolgswahrscheinlichkeit und Verlässlichkeit von nutzerzen­trierten Ideen erhöhen können. Sie können den Design-Thinking-Prozess für Ihren Anwendungsfall entsprechend anpassen, verkürzen oder verlängern, je nach Zielsetzung.

Der interdisziplinäre Charakter von Design Thinking und die offene Kommunikation werden Ihnen dabei helfen, Innovationspotenziale Ihrer IT-Lösungen zu identifizieren.

Fazit: Fiori-Revolution

In Projekte, die Benutzerschnittstellen optimieren, müssen Anwender beim Design der Zielplattform unbedingt miteingebunden werden, das Vorhaben wird sonst scheitern. Das, könnte man sagen, ist neben allen anderen komplexen Landschaftsthemen des Pudels Kern bei der Einführung von Fiori.

Feedback zu den Prototypen, Iterationen der Designs und die Umsetzung des Feedbacks sind wesentliche Erfolgskriterien. Hören Sie auf Ihre Anwender, dann haben Sie Erfolg. Neben erheblichen Vorteilen für die Anwender sei hier noch eine Business-­Case-Rechnung angeführt: User Experience ist keine Esoterik, und schlechte User Expe­rience kann Sie viel Geld kosten.

Jeder Click auf einen für die Prozesskette unnötigen Button verlängert die Prozess­zeit, führt zu Abbrüchen, mindert die Datenqualität und löst letztlich nur Frust aus – die einzige Kennzahl, die sich nicht monetär bewerten lässt.

Rechnen Sie mit dem Tool UX Value Calculator von SAP ein paar Szenarien durch – Sie werden sich wundern.

Veränderungen sind gut. Und wenn sie nicht gut sind, muss man sich trotzdem mit ihnen auseinandersetzen. Lernen Sie Fiori und seine Möglichkeiten kennen, bereiten Sie sich gut auf die Einführung vor und vergessen Sie nicht, Ihre Anwender einzubeziehen.

Mit einer zuverlässigen Analyse im Vorfeld, einer gut ausgearbeiteten Roadmap, klug eingesetzten Hilfsmitteln und vor allem einem erfahrenen Partner an Ihrer Seite kommen Sie ohne Verluste durch die Fiori-Revolution.

leonardo.report

Das Zukunftsmagazin der SAP®-Community zur digitalen Transformation.

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