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Interview: Konzept, Produkt und Plattform

SAP Leonardo ist das Konzept, ein Produkt und die Plattform zur digitalen Transformation bei den SAP-Bestandskunden. Martin Elsner, Glenn González und Mark Raben haben dazu ein umfassendes Standardwerk geschrieben, das in keiner IT-Bibliothek fehlen sollte.

Die digitale Transformation ist ein Weg, den alle Unternehmen gehen müssen, deren Geschäftsprozesse IT-basiert sind. Sie ist eine betriebswirtschaftliche, organisatorische, finanzielle und technische He­rausforderung.

Die Autoren des Buches „Design a Better Business“ (Vahlen) schreiben:

   

„Die Welt um uns ist voller Unsicherheit. Aber innerhalb dieser Unsicherheit existieren unglaublich viele Möglichkeiten, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.“

Diese Möglichkeiten kann die SAP-Community entdecken. Die Antwort von SAP heißt „Leonardo“. Mit den Autoren Martin Elsner, Glenn González und Mark Raben des Buchs „SAP Leonardo“ aus dem Rheinwerk Verlag sprach Peter M. Färbinger. Das Exklusivinterview zeigt die ganze Dimension und die nachhaltige Strategie von SAP Leonardo.

Können Sie eine kurze Definition von SAP Leonardo geben: Wie erklären Sie einem SAP-Bestandskunden das neue SAP Leonardo aus betriebswirtschaftlicher, organisatorischer und technischer Sicht?

Martin Elsner: SAP Leonardo ist die logische Ergänzung zum ERP, um die Herausforderungen der digitalen Transformation End-to-End angehen zu können. Es beantwortet zwei zentrale Fragen, die alle Kunden zum Thema digitale Transformation beschäftigt: wie und womit?

SAP Leonardo bietet ihnen Hilfe bei der Herangehensweise und Umsetzung einer digitalen Infra­struktur zum konkreten Realisieren von Projekten zur digitalen Transformation.

Was ist das Besondere und Wertvolle?

Elsner: SAP Leonardo ermöglicht, Software-Entwicklungen sowohl am digitalen Kern, dem ERP, als auch außerhalb mithilfe einer zentralen Architektur die geplanten Aufgaben auszuführen.

SAP ist insbesondere wegen seiner integrierten Betrachtung von Geschäftsprozessen so wertvoll für die Kunden. Diese End-to-End-Betrachtung ist genauso elementar bei neuen, sogenannten agilen Lösungen, die unter Einbeziehung modernster Technologien wie IoT, Machine Learning oder Blockchain realisiert werden sollen.

Ob nun Daten von einem User oder einem „Ding“ kommen, eine integrierte End-to-End-Betrachtung ist essenziell.

Martin-Elsner

Was passiert nun in diesem End-to-End-Szenario?

Elsner: Das eine Ende der Kette verschiebt sich nun mit der digitalen Transformation in Richtung „Einbindung der realen Welt“, mit dem Einsatz von Sensoren, sozialen Medien usw. Daten sollten immer als Kontext von Stammdaten und Geschäftsprozessen betrachtet und verarbeitet werden, und SAP Leonardo trägt dieser Sichtweise Rechnung.

Mit Leonardo will sich der ERP-Weltmarktführer als Anbieter einer Plattform für neue digitale Anwendungen positionieren. Wie ambitioniert sind diese Pläne angesichts eines starken Wettbewerbsumfelds?

Elsner: Der SAP ist sicherlich bewusst, dass es ein starkes Wettbewerberfeld gibt. Das Ziel, ein marktbestimmender Plattform-Player zu sein, ist sicherlich ambitioniert. Jedoch sieht die SAP, dass sie einige Vorteile ins Feld führen kann, die sich aus der starken Position als Weltmarktführer für Geschäftsanwendungen ergeben.

Immer wenn es darum geht, dass neue Ideen auch in IT-Applikationen umgesetzt werden, müssen sie irgendwann in die Prozesskette eingebunden werden. Dies auf rein technischer Ebene umzusetzen ist aus unserer Sicht zu kurz gesprungen.

Die Inte­gration von Prozess- und Stammdaten in die Kernprozesse ist essenziell bei der Skalierbarkeit dieser agilen Applikationen. Hier bietet das Leonardo-Portfolio der SAP aus unserer Sicht Vorteile in Bezug auf Umsetzungsgeschwindigkeit und Qualität der Gesamtprozessketten, wenn eine neue Lösung skaliert werden soll.

Was sind hierbei die Hürden?

Elsner: SAP hat festgestellt, dass viele Kunden und Partner Schwierigkeiten bei der Herangehensweise haben. Mit dem Design-Thinking-Ansatz stellt die SAP auch ein Tool- und Methodenset zur Verfügung, um Lösungsansätze für Digitalisierungsprojekte erfolgreich zu definieren und umzusetzen.

Der Ansatz stellt im Kern sicher, dass erfolglose Konzepte frühzeitig erkannt werden können und man sich auf die erfolgversprechenden konzentriert – nach dem Grundsatz „Fail often, but fail early“.

Ist für einen Anwender das digitale Framework Leonardo mehr eine Plattform für eigene Apps oder eine Sammlung von Anwendungen zur Digitalisierung?

Elsner: Beides! Man darf nicht vergessen, dass das ERP ein Teil der digitalen Transformation ist. Die Kernprozesse eines Unternehmens sind genauso betroffen von der Einbindung der IoT-Szenarien oder anderer neuer Geschäftsmodelle.

Das heißt: Überall dort, wo die SAP grundsätzliche und häufiger vorkommende Szenarien erkennt, wie zum Beispiel die Vernetzung von Menschen oder Maschinen durch digitale Zwillinge, wird sie flexible Standard-Applikationen zur Verfügung stellen. Dies sind die sogenannten Connected-Lösungen.

Diese basieren auf der SAP-Technologie-Plattform. Diese Plattform mit all ihren Komponenten ist aber genauso eine vollumfängliche PaaS-Lösung, die es erlaubt, agile Entwicklungen für eigene Apps umzusetzen. Der große Vorteil, den wir bei der SAP sehen, ist, dass beides miteinander harmoniert: das Standard-Business-App-­Portfolio und die agile Eigenentwicklungsumgebung.

Letztendlich reicht das Thema von der Hardware Raspberry PI als IoT-Gateway-Edge bis hin zu Deep Learning in Partnerschaft mit Nvidia. Kommen die Ideen und Konzepte von SAP selbst, SAP-Partnern, Bestandskunden, Marktforschung, Universitäten und/oder Start-ups?

Elsner: In erster Linie ist das Portfolio von SAP Leonardo sehr breit aufgestellt. Es ermöglicht die Entwicklung völlig neuer und differenzierender Szenarien – losgelöst vom Standard der SAP, jedoch sauber eingebunden in die Geschäftsapplikationswelt.

Es beinhaltet State-of-the-Art-Technologien wie maschinelles Lernen, künstliche Intelligenz, Predictive Analytics, Blockchain, IoT oder beispielsweise Data Management Tools. Innerhalb dieser Technologien gibt es Partner, die eine klare Marktführerschaft in bestimmten Fähigkeiten haben.

Nvidia bei der Hardware für Machine Learning und künstliche Intelligenz oder Google Tensor Flow sollen hier als Beispiele dienen. Hier wird die SAP sich durch Partnerschaften den Einfluss und die Fähigkeit sichern, die neuesten Entwicklungen nutzen und innerhalb ihres Lösungssets anbieten zu können.

Helfen Start-ups?

Elsner: Eine enge Zusammenarbeit mit ausgesuchten Start-ups hilft der SAP, für bestimmte Szenarien schnell Lösungen auf Basis der SAP-Plattform anbieten zu können. Neuron Soundware (siehe www.neuronsw.com) bietet etwa eine Lösung zum Erkennen von fehlerhaften Bauteilen über die Analyse von Audio-Signalen an.

Oder der Arkite Human Interface Guide (siehe www.arkite.be), der mithilfe eines Real-­Time-3D-Bilderkennungssystems die Mensch-Maschine-Koordination analysiert und unterstützt.

Und die SAP-Bestandskunden?

Elsner: Unsere Kunden sind natürlich auch die größten Konzept- und Ideengeber. Kunden wie Bosch und Endress+Hauser sind auch starke Partner in der Digitalisierung. Industriegrenzen verschwimmen immer mehr und die klassische Abgrenzung gilt nicht mehr.

Die SAP stellt sich hier sehr flexibel und agil auf. Und unsere Forschung war schon immer stark mit den Universitäten und Forschungsinstituten verknüpft. Dies gilt genauso für solche Themen, die bei der Digitalisierung eine Rolle spielen.

Mark-Raben

Wo sehen Sie die Stärken der Plattform SAP Leonardo für SAP-Bestandskunden und Nicht-SAP-Kunden?

Mark Raben: Leonardo ist ein digitales Innovationssystem. Besser gesagt, eine einzigartige Kombination eines systematischen Ansatzes und Technologie.

Dies beantwortet zwei wichtige Fragen unserer Kunden: Wie kann ich Innovationen angehen und mit welcher digitalen Infrastruktur kann ich die IT-Außenwelt mit dem digitalen Kern und zukunftsorientierten Technologien verknüpfen?

Dadurch können zukunftsorientierte Technologien wie maschinelles Lernen, Internet der Dinge oder Blockchain sicherer und schneller im Unternehmenskontext angewendet werden. Innovationen können durch Leonardo End-to-End gedacht werden, indem sie nahtlos in Anwendungen und Prozesse integriert werden.

Diese Stärken sind relevant sowohl für SAP-Bestandskunden als auch für Nicht-SAP-Kunden. Insbesondere SAP-Bestandskunden können von im Standard vorhandenen Integrationen in der SAP-Landschaft profitieren.

Inwieweit besteht ein Zusammenhang – organisatorisch und technisch – zwischen der Datenbank-Plattform SAP Hana und der Digital-Plattform SAP Leonardo?

Raben: Wie bekannt läuft die nächste Generation der ERP-Software, SAP S/4 Hana, auf der Plattform SAP Hana. Zusätzlich wird SAP Hana als Service auf der SAP Cloud Platform bereitgestellt und kann so für innovative Erweiterungen oder neue Anwendungen genutzt werden.

Dadurch können SAP-Kunden bei Erweiterungen oder neuen Anwendungen auf die gleichen Technologien zurückgreifen. Übergreifend kommt für datengetriebene Innovationen der SAP Data Hub zum Einsatz.

Welche Voraussetzungen muss ein SAP-Bestandskunde mitbringen, um die Software-Komponenten der Plattform SAP Leonardo erproben zu können?

Raben: Ehrlich gesagt benötigt man vor allem ein hohes Maß an Aufgeschlossenheit – kombiniert mit der Willensstärke, neue Ideen umzusetzen. Aus technischer Sicht stehen zur Erprobung Free-Trials zu Verfügung, mit denen einige einfache Szenarien umgesetzt werden können und womit die Technologie erprobt werden kann. Zum Beispiel kann mit einem Free-Trial auch auf die SAP Cloud Platform zugegriffen werden.

Von Pierre Audoin Consultants aus München gibt es ein Analysten-Statement, das besagt, dass SAP Leonardo isoliert betrachtet hinsichtlich Reifegrad und Features eher ein Nachzügler in einem Markt ist, den etwa Microsoft, Siemens, Bosch und IBM viel früher beschritten haben. Stimmt das?

Raben: SAP hat die Softwarebranche mit starken und visionären Lösungen mehrmals revolutioniert. Von daher ist SAP Leonardo nicht mit anderen Anbietern gleichzustellen. Das Alleinstellungsmerkmal von SAP Leonardo ist vor allem die Integration und Kombinierbarkeit von intelligenten Technologien, wie dem Internet der Dinge, Big Data, maschinellem Lernen, Blockchain auf der einen und Prozessen im Unternehmenskontext auf der anderen Seite. Das in Kombination mit dem systematischen Ansatz macht SAP eher zum Vorreiter.

Welche Komponenten aus SAP Leonardo werden aktuell von Bestandskunden am häufigsten nachgefragt?

Glenn González: SAP Leonardo basiert auf der SAP Cloud Platform, welche als Erweiterungskonzept für das ERP genutzt wird. Dies ermöglicht eine vollintegrierte bimodale IT und eine smarte Anwendung modernster Technologien, um tägliche Herausforderungen anzugehen.

Hier ist sicherlich die größte Nachfrage, denn „das brauchen alle“. Darüber hinaus versuchen Unternehmen, mit bestimmten Technologien innovative Ideen umzusetzen und diese auch gleich im Kontext der vor- und nachgelagerten Businessprozesse anzuwenden, weil hier das größte Potenzial gesehen wird. Hier sind Themen wie Machine Learning, IoT, Big Data beziehungsweise Analytics und auch Blockchain die Renner.

SAP hat mit R/3 bis S/4 eindrucksvoll das Software-Konzept „Alles aus einer Hand“ bewiesen. Plant man für SAP Leonardo ein ähnliches Vorgehen oder gibt es bevorzugte Industrie-Partnerschaften?

González: SAP Leonardo ist als offenes System konzipiert worden. Es wurde so aufgesetzt, dass es auch außerhalb der SAP-Welt seinem Nutzer einen großen Mehrwert bietet. Es kann sowohl Dienste anderer Anbieter nutzen als auch selbst von anderen Diensten genutzt werden.

In dieser dynamischen, schnellen Welt ist es wichtig, dem Kunden Vielfalt und Unabhängigkeit zu geben. SAP als eine der größten Software-Firmen der Welt hat das Know-how und die Möglichkeiten, seinen Kunden eine für Unternehmen geschaffene Infrastruktur zu bieten.

Kunden, die sich entscheiden, ihre „Digitalisierung“ ganzheitlich durch SAP begleiten zu lassen, können immer noch „alles aus einer Hand“ bekommen.

Glen-Gonzales

Was begeistert Sie ganz persönlich – unabhängig vom kommerziellen Erfolg oder Strategie von SAP – an SAP Leonardo? Welche Komponenten haben für einen Informatiker die größte Faszination?

González: Mich fasziniert an dem Thema am meisten, wie unterschiedlich Kunden mit dem Thema digitale Transformation umgehen und wie sehr SAP Leonardo dem Kunden hilft – parallel zum Betrieb ihrer Kernsysteme –, innovative Ideen umzusetzen.

Diese smarte Kombination, modernste Technologien wie IoT, Machine Learning oder Blockchain im Kontext von Busi­nessprozessen anzuwenden, ist einzigartig. Die Möglichkeit, die „alte Welt“ nahtlos mit der „neuen Welt“ zu kombinieren, ist echt cool.

Raben: Ich benutze schon seit einiger Zeit die Concur-App für meine Reisekostenabrechnung. Ich erfasse meine Belege mit der Kamera meines iPhones. Danach muss ich Betrag, Datum, Kategorie der Abrechnung usw. manuell eingeben.

Darum war ich sehr überrascht, als auf einmal die verschiedenen Merkmale meiner Belege wie z. B. Datum, Betrag und Kategorie automatisch aus dem Foto von Concur ausgelesen wurden. Auch wurde der Beleg automatisch an die richtige Abrechnung gehängt.

Ohne dass es mir bewusst war, hat maschinelles Lernen diese Tätigkeit – und damit mein Leben – vereinfacht. Mich fasziniert dieser Einsatz von intelligenten Technologien, bei dem der Nutzer nichts bemerkt von der Komplexität im Hintergrund, sondern nur über die Vorteile staunt.

Und abschließend: In welchen Märkten und Industrien erwarten Sie in den kommenden Jahren die ersten oder größten Erfolge von SAP Leonardo?

González: SAP Leonardo ist geschaffen worden, um Firmen bei ihrer digitalen Transformation zu unterstützen. Einige Industrien sind bereits heute unter großem Druck, weil die Erwartungshaltung der Konsumenten sie dazu zwingt.

Hierzu gehören Handel, Banken, Versicherungen, Energieversorger, Logistiker und viele weitere. Andere ahnen, dass etwas auf sie zukommt, wie etwa Maschinen- und Komponentenhersteller. Und wiederum andere meinen, noch weit weg zu sein, wie z. B. Stahlproduzenten.

In Wahrheit wird es aber keine Industrie geben, die von der Digitalisierung unserer Gesellschaft nicht gravierend betroffen sein wird. Vorteile haben die Unternehmen, die sich frühzeitig damit beschäftigen. Denn eines hat sich ebenfalls maßgeblich geändert und das ist die Geschwindigkeit der Veränderung. Diese erlaubt oft kein Hinterherlaufen.

Danke für das Gespräch.

Das Interview wurde geführt und kuratiert von Peter M. Färbinger, Herausgeber und Chefredakteur leonardo.report.

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Das Zukunftsmagazin der SAP®-Community zur digitalen Transformation.

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